RECHTSTIPP Nr. 52

WIE VERHÄLT MAN SICH RICHTIG BEI EINER SCHEIDUNG?

Viva Ausgabe Nr. 57, 9. Mai 2014

 

 

 

 

 

 

Es ist einfach schön, verheiratet zu sein, wenn man die richtige Wahl getroffen hat... Die Ehe ist eine alte und erprob­te Erfindung, die einige Vorteile für die Beteiligten und die Allgemeinheit hat. Läuft die Ehe jedoch schlecht, kann sie zur Hölle werden. Die Eheleute, die Kinder, die Verwandten, sogar Freunde leiden mit. Oft fühlen sich die Eheleute gefangen, unglücklich, gestresst, aus­gebeutet, gedemütigt. Zum Glück gibt es aber die Scheidung, die dem Men­schen die Möglichkeit gibt, neu anzu­fangen bzw. mindestens seine Würde und Freiheit nach einer schlimmen Ehe zurückzuerobern. In diesem Bericht schildere ich (aus dem Sichtpunkt ei­nes Rechtsanwaltes, der immer wieder Scheidungen bearbeiten muss), wie man sich am besten verhalten sollte.

 

 

VOR DER EHESCHLIESSUNG

a) Wählen Sie den richtigen Ehepart­ner, mit dem Sie „wirklich“ zusammen­passen. Prüfen Sie auch, dass Ihre Plä­ne und Wünsche fürs Leben und Ihre Weltanschauungen zusammenpassen.

b) Überlegen Sie sich, ob es sich lohnt zu heiraten oder ob man nicht lieber doch einfach ohne Trauschein zusam­menziehen sollte. Jede Entscheidung hat (persönliche, moralische, juristische und wirtschaftliche) Vor- und Nachtei­le. Heiraten Sie nur, wenn Sie wirklich überzeugt sind und nicht weil Sie unter Druck geraten sind, weil man das von Ihnen erwartet, weil er/sie wohlhabend ist, aus Angst allein zu bleiben oder weil Sie damit versuchen, Ihre Neigun­gen zu überwinden (Schwul sein) usw. Sonst sind Unglück und Ärger vorpro­grammiert! Die meisten die sich später scheiden lassen waren am Tag der Ehe­schliessung nicht wirklich überzeugt... aber es schien keinen Ausweg mehr zu geben.

c) Machen Sie einen notariellen Ehe­vertrag oder lassen Sie sich wenigs­tens anwaltlich beraten, ob Sie einen Ehevertrag brauchen. Die Ehe ist nicht nur - aber auch - ein Vertrag und bei wichtigen Verträgen sollte man sich fachlich beraten lassen. Ein guter Ehe­vertrag kann Ihnen bei einer eventuel­len Scheidung extrem viel Ärger erspa­ren. Geben Sie Ihrem Partner nicht die Möglichkeit, Sie finanziell zu ruinieren oder fertigzumachen, falls alles schief gehen sollte; eine normale Scheidung ist schon schlimm genug. Derjenige, der heute Ihr Liebster ist, könnte mor­gen leider Ihr schlimmster Feind sein - das sehe ich leider in meiner Kanzlei allzu oft. Seien Sie nicht geizig, aber wenn Sie wohlhabend sind, sollten Sie vor der Eheschließung Ihre Gelder von­einander trennen.

 

 

WENN ES BEREITS KRISELT

a) Sollten Sie gemerkt haben, dass Ihre Ehe zu scheitern droht, tun Sie etwas dagegen. Lassen Sie nicht einfach die Zeit vergehen, sonst wird alles nur noch schlimmer.

b) Den Ehepartner zu ermorden (Ar­tikel 140 vom spanischen Strafgesetz­buch, bis zu 25 Jahre Freiheitsstrafe) oder mit Schlägen oder Drohungen „zur Vernunft zu bringen“ zu versuchen (auch mehrere Jahre im Knast, abhän­gig von der Schwere der Verletzungen oder Drohungen), ist allerdings keine gute Idee!

c) Oft sind Ehekrisen die Ursache von schwerwiegenden psychologischen Problemen. Lassen Sie sich so schnell wie möglich von Eheberatern, Freun­den, Verwandten oder Psychologen helfen. Bekämpfen Sie auch eventu­elle Selbstmordgedanken, Fluchtge­danken, andere unsinnige Gedan­ken sowie die wirklichen Ursachen Ihres Unglücks. Gerade bei einer Scheidung brauchen Sie manchmal viel Kraft, um für sich selbst und Ihre Kinder zu kämpfen - aufgeben dürfen Sie (auch ihres wegen) nicht.

 

 

KURZ VOR DER SCHEIDUNG

a) Treffen Sie die Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt. Lassen Sie nicht zu viele Jahre vergehen, wenn Ihre Ehe gescheitert ist. Lieber sollte man sich scheiden lassen, wenn beide noch jung und arbeitsfähig sind, als wenn man alt, abhängig und gebrechlich ist. Seien Sie mutig und geben Sie sich selbst und dem anderen eine Chance. Sehen Sie die Scheidung als eine Chance, sich zu befreien und Neues zu probieren. Man lebt nur einmal!

b) Lassen Sie sich scheiden, solan­ge es noch eine halbwegs gute Be­ziehung zu Ihrem Partner gibt. Am besten sollte man die Scheidung bean­tragen, bevor einer der beiden einen neuen Partner gefunden hat. Danach entsteht oft eine Feindseligkeit, die eine gütliche Scheidung unmöglich macht und der Neue/die Neue kann oft für schlechte Stimmung sorgen. Eine rechtzeitige Scheidung hilft, eine ge­wisse Freundschaft zu behalten oder mindestens eine zivilisierte Scheidung zu ermöglichen.

c) Sammeln Sie Informationen und Kopien von jeglichen Unterlagen über die finanziellen Verhältnisse Ihres Ehepartners und über Ihre eigenen, damit Sie wissen, worüber Entschei­dungen getroffen werden müssen und mit welchen Voraussetzungen. Bewahren Sie diese Unterlagenkopien in einem vor Ihrem Partner sicheren Ort auf. In manchen Fällen ist es schon einmal vorgekommen, dass Unterla­gen verschwinden, damit der andere sie nicht verwenden kann. Holen Sie die für eine Scheidung notwendigen Unterlagen ein: die spanische oder in­ternationale Heiratsurkunde (nicht Familienbuch); die spanische oder in­ternationale Geburtsurkunde der Kinder; eine notarielle Prozessvoll­macht von Ihnen oder von beiden Ehe­leuten, Kaufurkunden, Autopapiere, Grundbuchauszüge (falls Immobilien vorhanden sind), Bankkontoauszüge, Darlehensverträge, Mietverträge, Lohnabrechnungen, Rentenbeschei­de, Steuererklärungen usw. Oft ist es so, dass einer der Ehepartner (meis­tens die Frau) überhaupt keine Ahnung von den finanziellen Angelegenheiten des Ehepaares hat. Dies kann bei einer Scheidung einen großen Nachteil dar­stellen.

d) Gehen Sie zu Ihrem eigenen Vertrauensanwalt (nicht nur zu dem Anwalt, den Ihr Partner gewählt hat). Schildern Sie ihm Ihre Lage genau, ohne Sachen zu verheimlichen. Nur so kann er Sie richtig verteidigen. Sollten Sie bedroht oder geschlagen worden sein, sagen Sie ihm das. Dann kann eine einstweilige Verfügung zu Ihrem Schutz beantragen und/oder eine Strafanzeige erstatten. Bringen Sie ihm die Kopien aller Unterlagen und erkundigen Sie sich, was Ihnen und Ihren Kindern zu­steht.

e) Reden Sie anschließend freund­lich mit ihrem Mann/mit Ihrer Frau über eine mögliche einvernehmli­che Scheidung. Eine einvernehmliche Scheidung hat erhebliche Vorteile: sie ist schneller und billiger und die Part­ner können wichtige Vereinbarungen selbst festlegen. Bei einer streitigen Scheidung entscheidet der Richter, und häufig ist keiner der beiden Eheleute mit dem Ergebnis zufrieden.

f) Sollte Ihr Partner sich mit einer einver­nehmlichen Scheidung einverstanden erklären, schlagen Sie vor, die pro­fessionelle Hilfe eines gemeinsamen Anwaltes in Anspruch zu nehmen. Er wird sich dann mit beiden Eheleuten treffen und unparteiisch vermitteln.

g) Sich zu einigen ist gut, aber nicht um jeden Preis: Viele Mandanten, die sich scheiden lassen, fühlen sich wegen der Situation so schwach und deprimiert, dass Sie kaum in der Lage sind, für Ihre Rechte zu kämpfen. Man muss aber be­denken, dass bei einer Scheidung sehr wichtige Entscheidungen für Sie und für Ihre Kinder getroffen werden. Seien Sie nicht allzu stolz, wenn es darum geht, Unterhalt für ihre Kinder zu verlangen. Viele Frauen wollen aus Stolz keinen Unterhalt für sich oder für die Kinder einfordern, da sie meinen, alles selbst schaffen zu können. Aber Sie sollten nicht auf die Rechte Ihrer Kinder ver­zichten! Anderseits gibt es auch viele Ehemänner, die sich regelrecht „erge­ben“ ohne zu kämpfen. Sie sind häufig viel zu freigiebig in den Scheidungs­folgevereinbarungen und leben dann nach der Scheidung fast in Armut.

 

 

ANWENDBARE GESETZE

Bei der Scheidung können gleichzeitig die Gesetze mehrerer Länder ange­wandt werden:

a) Die spanischen Gerichte wenden selbstverständlich die spanische Prozessordnung an (Ley de Enjuicia­miento Civil). Spanische Gerichte sind zuständig, wenn a) beide Eheleuten in Spanien leben - auch wenn sie keine Spanier sind; oder b) wenn der Kläger Spanier und Resident ist; oder c) wenn beide Eheleute Spanier sind und sich einvernehmlich scheiden lassen wollen. (Art. 22.3 LOPJ., Ley Orgánica del Po­der Judicial).

b) Sollten Sie und Ihr Mann/ Ihre Frau dieselbe Staatsangehörigkeit besitzen, gilt das Scheidungsrecht Ihres Hei­matsstaates (z.B. über die Gründe, die eine Scheidung ermöglichen), welches auch vor einem spanischen Gericht an­gewandt werden kann (Ihr Anwalt muss aber dieses hier ausländische Recht be­herrschen). Sonst (also bei verschiede­nen Staatsangehörigkeiten) gilt in der Regel für die Scheidung das Gesetz des Landes, in dem man zuletzt zusammen­gelebt hat. Sollte man nicht zusammen­gelebt haben, gilt das spanische Recht (Art. 107 vom spanischen BGB, „Códi­go Civil“).

c) Das Ehegüterrecht, das bei der Scheidung berücksichtigt und ange­wandt wird, ist das Recht des Landes der gemeinsamen Staatsangehörigkeit, hilfsweise das Recht des Staates, das im Ehevertrag gewählt wurde, hilfsweise das Recht vom ersten gemeinsamen Wohnsitz, und wieder hilfsweise das Recht des Ortes, wo die Ehe geschlos­sen wurde (Art. 9.2 und 9.3 vom spani­schem BGB, „Código Civil“).

d) Bei dem Sorgerecht über die Kinder und ihre Alimente wendet man in man­chen Fällen das Recht der Staatsange­hörigkeit des Kindes an, und manchmal das Recht des Landes, in dem das Kind lebt.

 

 

WENN DIE SCHEIDUNG LÄUFT

a) Sollte die Scheidung einvernehmlich laufen, so wird Ihr Anwalt alles kos­tengünstig, schnell, sauber und relativ schmerzlos regeln. Sie erteilen eine notarielle Prozessvollmacht, unter­schreiben den vom Anwalt aufgesetz­ten Scheidungsvertrag und gehen zum vereinbarten Termin zum Gericht, um den Vertrag zu bestätigen. In ca. zwei Monaten sind Sie wieder „frei“ wie ein Vogel.

b) Sollte keine einvernehmliche Schei­dung möglich sein, kämpfen Sie um Ihre Rechte. Man sollte jedoch die Hoffnung nicht aufgeben, dass man sich am Ende doch noch einigen kann. Versuchen Sie Ihre Kinder so viel wie möglich aus al­lein Streitigkeiten rauszuhalten, damit sie nicht darunter leiden. Benutzen Sie die Kinder auf keinen Fall als „Waffe“ gegen ihren Partner.

c) Verlieben Sie sich nicht in Ihren An­walt oder in Ihre Anwältin... Kennen Sie den lustigen Film mit George Clooney und Catherine Zeta-Jones „Ein (un)möglicher Härtefall“? Es klingt wie ein Spaß, aber das kommt häufiger vor, als man denkt - wie viele Scheidungsanwäl­te schon selbst erlebt haben. Die sich scheidenden Mandanten befinden sich oft in einem empfindlichen Zustand, sie fühlen sich verlassen, sind verwirrt... und wenn sie sehen, wie engagiert ihr Anwalt für sie kämpft, können die Ge­fühle manchmal verrückt spielen... Das geht aber nur in den Spielfilmen gut; Ihr Anwalt braucht seine Ruhe, um für Sie kämpfen zu können...

 

 

 

NACH DER SCHEIDUNG

Lassen Sie das Scheidungsurteil auch im Land eintragen, in dem die Ehe ge­schlossen wurde. Hierfür braucht man die internationale Scheidungsurkunde, die vom Gericht erstellt wird.

Feiern Sie eine große Scheidungs­party, kaufen Sie sich ein neues Auto oder Motorrad, suchen Sie sich ei­nen Neuen/eine Neue und genießen Sie Ihr Single-Dasein! Ist das finanziell nicht drin, gehen Sie mindestens zum Friseur oder zur Maniküre... lassen Sie sich hübsch machen. Das braucht das Selbstbewusstsein (und ärgert oft den Ex sehr). Machen Sie neue Freund­schaften, wechseln Sie den Job, geben Sie sich eine neue Chance mit der Lie­be... aber bitte ohne wieder dieselben Fehler zu begehen!

 

 

Ich hoffe, dass Sie mein Bericht auch diesmal interessiert hat, und verbleibe wie immer

 

Mit freundlichen Grüßen,

José Antonio Pérez Alonso,

Rechtsanwalt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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